Wir pflegen die Kunst, durch die Zeit zu reisen

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Berlin im Jahr 1940. Dietmar Müller ist drei Jahre alt, als in seiner Heimatstadt die ersten Bomben fallen. Seine schwangere Mutter nimmt ihn an der Hand. Gemeinsam besteigen sie einen Zug, um vor den Luftangriffen zu fliehen – nach Bayrischzell am Fuße des Wendelsteins. Jeder zweite Deutsche versucht sich zwischen 1940 und 1945 vor den alliierten Bomberflotten, die die Zentren der Großstädte immer häufiger unter Beschuß nahmen, aufs Land zu retten. Anfangs geht die Initiative – wie bei den Müllers – von den Betroffenen selber aus.  

Von offiziellen Stellen als Defätisten gescholten, die am vielbeschworenen ›Sieg des Deutschen Volkes‹ zweifeln, müssen sie ihren Aufenthalt in der Fremde aus eigener Tasche bezahlen. Erst der ›Erlaß über Umquartierungen wegen Luftgefährdung und Bombenschäden‹ vom 19. April 1943 bemüht sich um eine reichsweite Regelung der Evakuierung. Doch schon Ende desselben Jahres setzt man »die größte Völkerwanderung aller Zeiten« (Joseph Goebbels) wieder aus. Das ›Umquartieren‹ behindere die kriegswichtigen Wehrmachts- und Rüstungstransporte der Reichsbahn, lautet die Begründung. Dennoch rollen bis Kriegsende unaufhörlich Sonderzüge mit Evakuierten nach Bayern, das zunächst noch außerhalb der Reichweite feindlicher Bomber liegt und mehr und mehr als ›Luftschutzkeller des Reiches‹ gilt.  

Selbst die ›Erweiterte Kinderlandverschickung‹ ist nichts anderes als eine Evakuierungsmaßnahme. Von Adolf Hitler als soziale Tat an der Großstadtjugend gepriesen, dient sie freilich auch dazu, den Nachwuchs fronttauglich zu machen: Christoph-Gerhard Dallinga aus der ostfriesischen Seehafenstadt Emden, Jahrgang 1928, erlebt das Kinderlandverschickungslager Gars am Inn, ein ehemaliges Kloster, als »Kaserne«. Andererseits gibt es dort – anders als zu Hause – genug zu essen. Heinrich Wiemers aus dem westfälischen Münster ist ebenfalls dankbar. Er wird im Herbst 1943 als Zwölfjähriger mit seinen Lehrern und Klassenkameraden in einer Pension am Tegernsee einquartiert, entkommt damit dem Bombenangriff, der sein Elternhaus in Schutt und Asche legt, und verliert nicht einmal ein Schuljahr.  

In den traditionellen bayerischen Fremdenverkehrsorten stellen die Evakuierten zeitweise ein Viertel der Bevölkerung. Die Einheimischen zeigen sich zuweilen reserviert. Weil die vorhandenen Fremdenzimmer zur Beherbergung der Evakuierten bald nicht mehr ausreichen, müssen die Luftkriegsflüchtlinge in beschlagnahmten Privatquartieren untergebracht werden. Mancherorts kommt es sogar zu Versorgungsengpässen. Aus Sicht der Evakuierten ist die Situation ähnlich unerfreulich: Sie leben länger, als ihnen lieb ist, in Orten, deren Namen sie nie zuvor gehört haben. Sie sind getrennt von Familienmitgliedern und Freunden, die es anderswohin verschlagen hat, und müssen um die eigene Wohnung bangen, die sie irgendwo zurückgelassen haben.  

Am Ende sind die Luftkriegsflüchtlinge nicht einmal mehr an ihren Evakuierungsorten sicher. Denn der Krieg kommt nun auch ins ländliche Bayern. Viktoria Broszonn, als Elfjährige auf einem Bauernhof in der Nähe von Bad Aibling einquartiert, wird auf freiem Feld von einem Tiefflieger beschossen; Albert Reichold, von 1943 bis 1945 mit seiner Münchner Schulklasse kinderlandverschickt, erlebt in Bad Reichenhall, wie eine Bombe an den stadtnahen Hängen der Bergwälder detoniert. Der schwere Luftangriff, der wenige Wochen später Bad Reichenhall und Hitlers Refugium auf dem Obersalzberg zerstört, markiert nicht nur den Untergang der imaginären ›Alpenfestung‹, sondern auch den des Dritten Reiches.  

Das Ende des Krieges bedeutet jedoch nicht das Ende der Evakuierung: Die letzten Kinderlandverschickten kehren im Sommer 1946 nach Hause zurück, die letzten Luftkriegsflüchtlinge erst nach 1960. Manche sind schon vorher fern ihrer ursprünglichen Heimat gestorben. Andere haben sich entschlossen, zu bleiben. Zu ihnen gehört auch die Familie Müller. Dietmar Müller berlinert heute nur noch nach Aufforderung. Im Alltag spricht er längst bayerisch.

 

Buch: Klaus Reichold
Regie: Thomas Endl
Kamera: Christoph Castor
Schnitt: Katharina Meitzner
Kameraassistenz: Nicole Christmann
             

Erstsendung am  08.03.2004
im Bayerischen Fernsehen
Länge: 45 Minuten