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In keinem Land der Welt, so heißt es, finde man so viele Schlösser wie in Böhmen. Und in Böhmen selber gebe es nirgendwo mehr, als entlang der Elbe zwischen Kuttenberg/Kutná Hora und Leitmeritz/Litomerice.  Die ungemein fruchtbare Flußregion mit ihrem südlichen Klima galt schon im 18. Jahrhundert als eine der schönsten Landschaften Mitteleuropas. Kein Wunder, daß sich der Adel bevorzugt hier niederließ.  

Selbst bei König Friedrich II. von Preußen, dem ›Alten Fritz‹, weckte sie Begehrlichkeiten. Im Siebenjährigen Krieg versuchte er, seinem Reich den »fetten Boden« des mittelböhmischen Beckens einzuverleiben. Maria Theresia aber wußte »das Rückenmark der österreichischen Macht« zu verteidigen. Dabei konnte sie sich auch auf die jüdische Gemeinde von Kolín verlassen, an deren einstige Existenz die kürzlich renovierte Synagoge und der verträumte Friedhof mit dem Grab des Neffen von Rabbi Löw erinnern. Wenige Kilometer flußabwärts, in der heutigen Kurstadt Podiebrad/Podebrady, war der ›Hussitenkönig‹ Georg von Podiebrad zu Hause. Geboren im wuchtigen Schloß am Elbufer, in dem später auch Vaclav Havel als Internatsschüler aus- und einging, brachte Georg von Podiebrad 1464 sein visionäres Weltfriedensmanifest zu Papier, das sich wie ein Vorentwurf zur Satzung der Vereinten Nationen liest. Die eigentliche Politik freilich wurde anderswo gemacht.  

An der Elbe ging man eher den privaten Leidenschaften nach: In Schloß Brandeis/Brandýs trug Erzherzog Ludwig Salvator von Österreich alles zusammen, was er von seinen naturkundlichen Forschungsreisen in die Ägäis und zu den Balearen mitgebracht hatte – darunter ausgestopfte Tiere und seltene Schmetterlinge. In Kacina, dem größten Empire-Schloß Böhmens, sammelten die Grafen von Chotek Zehntausende kostbarer Bücher, für die sie eine der imposantesten Privatbibliotheken Böhmens errichten ließen. In Schloß Lissa/Lysá – heute ein Seniorenheim – ließ Reichsgraf Franz Anton von Sporck, ein Exzentriker von europäischem Rang, seiner Lust an der barocken Skulptur freien Lauf.  

In Schloß Raudnitz an der Elbe/Roudnice nad Labem, wo heute das Musikkonservatorium der tschechischen Armee logiert, umgaben sich die Fürsten Lobkowicz mit namhaften Komponisten und Malern. Auch die Frauen hinterließen ihre Handschrift: Schloß Melník, hoch über dem Zusammenfluß von Elbe und Moldau gelegen und seit 1992 wieder im Besitz der Familie Lobkowicz, verdankt seine Weinberge angeblich der heiligen Ludmilla, die hier als Landesmutter die ersten Rebstöcke gepflanzt haben soll. In Ploschkowitz/Ploskovice gab Herzogin Maria Anna von Sachsen-Lauenburg ein Rokokoschloß wie aus dem Bilderbuch in Auftrag. Der österreichische Kaiser Ferdinand der Gütige, wegen seiner epileptischen Anfälle zuweilen ›Gütinand der Fertige‹ genannt, verbrachte hier seinen Lebensabend und soll noch heute gelegentlich als nächtlicher Schatten am Klavier sitzend anzutreffen sein.   

Für das  tschechische Nationalbewußtsein sind zwei andere Orte am Elbufer bedeutend: In Altbunzlau/Stará Boleslav fand der heilige Herzog Wenzel, der Landespatron Böhmens, sein blutiges Ende. Und vom Berg Ríp aus begann mit Cech, dem mythischen Urvater der Tschechen, der Legende nach die Besiedelung Böhmens. »Sehet das gelobte Land«, soll er am Gipfel stehend zu seinem Gefolge gesagt haben, »ein Land voller Honig, Vögel und Wildbret. Hier werden wir alles im Überfluß haben, und der Fluß wird uns guten Schutz bieten vor unseren Feinden. Sehet, ein Land nach unserem Wunsche.«

 

Buch: Klaus Reichold
Regie: Thomas Endl
Kamera: Detlef Krüger
Schnitt: Petra Knorr
Kameraassistenz: Uwe Niedzwetzki
             

Erstsendung am 01.02.2005
in der Reihe Bilder einer Landschaft
im Bayerischen Fernsehen
Länge: 45 Minuten