Wir pflegen die Kunst, durch die Zeit zu reisen

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Sanft ausschwingende Hügel wie in Umbrien, Pappeln, die auf den ersten Blick wie Zypressen wirken, dazu der Duft von Rosmarin und Thymian, der von den sonnenüberfluteten Flanken der längst erloschenen Vulkankegel herüberweht – kein Wunder, daß der Maler Ludwig Richter eines wunderschönen Morgens im Jahr 1831 dachte, er sei in Italien. In Wirklichkeit war er in Nordböhmen – auf einer Fähre, die ihn vom einen Ufer der Elbe zum anderen übersetzte.  

Die landschaftliche Idylle des Flußtals, das sich zwischen Leitmeritz/Litoměřice und Herrnskretschen/Hřensko dahinzieht und vom Böhmischen Mittelgebirge flankiert wird, bezauberte im 19. Jahrhundert  Maler, Dichter und Musiker gleichermaßen: „Da fühlt man Gottes schöne   Welt“, notierte Robert Schumann, als er sich die Gegend erwanderte. Der einst blühende Fremdenverkehr, der mit den Romantikern begonnen hatte und durch Dampfschiffahrt und Eisenbahn einen ungeahnten Aufschwung nahm, erfährt seit der „Samtenen Revolution“ von 1989 eine zarte Renaissance.  

Gleichzeitig spielt die Elbe als grenzüberschreitende Wasserstraße eine wichtige Rolle für die Entwicklung der Region: Dank der heimischen Kohlevorkommen und dem direkten Zugang zu den großen Seehäfen Westeuropas war Nordböhmen um 1900 das bedeutendste Industrierevier Alt-Österreichs. An jene prosperierenden Zeiten würde man heute wieder gerne anknüpfen. Andererseits weiß man an diesem Teil der Elbe von jeher, welche Wechselfälle das Leben bereithält.  

Davon erzählen in Leitmeritz/Litoměřice, der Geburtsstadt des Zeichners Alfred Kubin, beispielsweise die mächtigen Gewölbekeller, die drei Stockwerke tief in die Erde reichen und heute unter anderem eine Weinstube beherbergen: In Friedenszeiten horteten die Kaufleute der Stadt hier ihre Waren. Bei Überfällen suchte die Bevölkerung Schutz in den Kavernen, um im äußersten Notfall durch geheime Gänge zum Fluß und zu den rettenden Booten zu entkommen.  

Zuweilen wird die Elbe freilich selber zur Bedrohung: Das Pfarrhaus im nahen Potschapl/Počaply stand im Jahr 2002 vier Meter unter Wasser – in den Augen von Pater Radim Valik, dem örtlichen Seelsorger, eine hausgemachte Katastrophe, verursacht von Gottvergessenheit, ungebremster Profitgier und mangelndem Respekt vor den Naturgesetzen. Das Land hat viel gelitten, und manches ist ein für alle mal dahin: Der grandiose Anblick der Burg Schreckenstein, in deren Torhaus Richard Wagner, hoch über der Elbe, den ersten Entwurf für seine Oper Tannhäuser niederschrieb – verschandelt durch ein monströses Stauwehr. Die herrschaftlichen Villen und gründerzeitlichen Straßenzüge, die vom einstigen Wohlstand des Bürgertums von Aussig/ Ústí nad Labem kündeten – gesprengt im Namen der Partei. Historische Filmaufnahmen, die der Kameramann Jiří Petrů in Archiven und bei Privatleuten aufgestöbert hat, zeigen das alte Aussig und dessen systematische Zerstörung durch die Kommunisten.  

Die furchtbarste Zäsur bleibt freilich die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs – ein Drama, das in einem Massaker tschechischer Milizionäre auf der Aussiger  Elbe-Brücke kulminierte. Johanna Baronin Herzogenberg hat die damaligen Repressalien überstanden. Geblieben aber ist die wehmütige Erinnerung an das verlorene Land der Kindheit. Doch die Wunden beginnen zu heilen – und das Land hat seinen Charme bewahrt: Bei jedem Wetter macht sich Dan Richter auf den Weg, um sich von der Schönheit der Natur, von Flora, Fauna und dem Fluß inspirieren zu lassen und anschließend Szenen voller Poesie und Magie auf seine Leinwand zu bannen. Die beschaulichen Dörfer, verfallenen Burgen und verwunschenen Ufer der Elbe locken auch Fremde an: Deutsche, Briten, Niederländer kaufen sich ein, verwandeln verlassene Gehöfte in Büros, Feriendomizile, Altersruhesitze.  

Vom Dubitzer Kircherl eröffnet sich ein atemberaubender Blick auf die Elbschleife. Und von unten ruft Winnetou herauf. Denn in Böhmen beginnt der Wilde Westen – zumindest in der Vorstellung von Karl May. Der Vielschreiber aus Radebeul kannte die Gegend aus den Tagen seiner Jugend und weilte 1897 erneut an den böhmischen Gestaden der Elbe: In Herzig’s Restauration in Birnai/Brna, dem heutigen Gasthaus Srdíčko, verfaßte er bei böhmischen Knödeln und böhmischem Bier das Buch Weihnacht. František Polansky, der junge Wirt, könnte mit seiner blonden Mähne dem Roman entsprungen sein. Seine Lebensgeschichte spielt aber doch unüberhörbar in unserer Zeit: 1988 aus der damaligen Tschechoslowakei geflohen, lebte er mehrere Jahre in Bayern, bevor er nach Böhmen zurückkehrte. Als Wanderer zwischen den Welten, dem die Gemeinsamkeiten wichtiger sind als die Unterschiede, steht František Polansky stellvertretend für viele, die diesen Landstrich prägten und prägen – seien es die aus Südtirol stammenden Grafen von Thun-Hohenstein, die in ihrem Schloß in Tetschen/Děčín an der Elbe berühmte Zeitgenossen wie Frederic Chopin empfingen, seien es Schiffsleute wie Kapitän Eberhard Preußler, der jedesmal, wenn er mit seinem historischen Raddampfer namens Pirna in Tetschen/Děčín einläuft, die tschechischen Kollegen mit anhaltendem Schiffstuten grüßt.  

Wer mit der Pirna weiter flußabwärts fährt, erlebt eine der großartigsten und urtümlichsten Landschaften Europas: die Böhmische Schweiz. „Hier hat nicht Menschenhand wie am Rhein, hier hat der liebe Gott selbst Burgen aus Fels erbaut“, heißt es bei einem Schriftsteller des vergangenen Jahrhunderts. Auf den letzten böhmischen Flußkilometern der Elbe, nahe der Grenze bei Herrnskretschen/Hřensko, wirkt ihr Tal gar wie ein spektakulärer Canyon. Doch in der Ferne winkt schon Dresden.

 

Buch: Klaus Reichold
Regie: Thomas Endl
Kamera: Detlef Krüger
Schnitt: Susanne Droege
Kameraassistenz: Uwe Niedzwetzki
 

Erstsendung am 17.04.2007
in der Reihe Bilder einer Landschaft
im Bayerischen Fernsehen
Länge: 45 Minuten