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Er sprach englisch, französisch, italienisch , russisch und spanisch. Die griechischen und lateinischen Klassiker las er im Original. Und kaum ein Tag verging, ohne daß Ludwig I. ein selbstverfaßtes Gedicht zu Papier gebracht hätte, wiewohl sich die deutsche Sprache seinem poetischen Wollen ebenso häufig wie nachhaltig widersetzte. Auch sonst war der zweite König von Bayern ein rastloser Geist: „Ruhe kann mein Wesen nicht ertragen“, bekannte er, „feurig muß das Leben mir schäumen, … sehnen will ich und schwärmen und träumen“.  

Aus diesem Grund reiste Ludwig I. allein 30 Mal nach Italien. Er kaufte sich eine Villa in Rom und verbrachte fast jedes Jahr mehrere Wochen im Land, „wo die Zitronen blühen“. Die Anregungen, die er von diesen Aufenthalten mit nach Hause brachte, tragen dazu bei, daß man heute manchmal glauben möchte, Bayern läge am Mittelmeer: Die Walhalla bei Regenstauf zitiert den berühmten Poseidon-Tempel von Paestum, das Pompejanum in Aschaffenburg orientiert sich an einem vornehmen Haus der Antike, das 1828 im Schatten des Vesuv ausgegraben wurde, und die Münchner Ludwigsstraße beschwört den Geist florentinischer Palazzi und römischer Piazze.  

Selbst Schloß  Ludwigshöhe, der pfälzische Altersruhesitz Ludwigs I., wäre ohne Italien nicht denkbar: Die Idee zu dieser mediterran anmutenden Villa kam dem König auf dem umbrischen Landgut seiner zeitweiligen Geliebten, der Marchesa Marianna Florenzi. Doch Ludwig I. baute nicht in erster Linie für sich: Beseelt von der Überzeugung, Kunst und Geschichte erzögen die Menschen und bänden sie – zumal in evolutionsfreudigen Zeiten – an die Monarchie, initiierte er eine ambitionierte Kunstpolitik, die München zu einem europäischen Zentrum der Musen und der Museen machte.  

Mit seinem volksbildenden Anspruch ist Ludwig I. allerdings gescheitert. Anstelle der Museen hätten manche Landsleute lieber Kasernen und Narrenhäuser gesehen. Und die demokratische Bewegung war bereits so ausgeprägt, daß sie Ludwig I. im Gefolge der Lola-Montez-Affaire sogar vom Thron fegen konnte. Gänzlich unsoldatisch in Wesen und Benehmen, bisweilen freilich cholerisch und selbstgerecht, ist Ludwig I. als herausragender Sammler und Kunstmäzen in die Geschichte eingegangen, der manche Widersprüche in sich vereinte: Gleichzeitig aufgeschlossen und rückwärtsgewandt, liberal und autokratisch, geizig und großzügig, schöngeistig und rüde, wurde aus dem gebürtigen Pfälzer nie ein wirklicher Bayer. Und trotzdem hat er das heutige Bayern geprägt wie kaum ein anderer der sechs Monarchen, die das Land zwischen 1806 und 1918 regiert haben.

 

Buch: Klaus Reichold
Regie: Thomas Endl
Kamera: Michael Stier
Schnitt: Petra Knorr
Kameraassistenz: Stephan Schmidt
             

Erstsendung am 21.01.2006
im Bayerischen Fernsehen
in der Reihe "Königreich Bayern"
Länge: 45 Minuten