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Manchmal kommt einem München im Vergleich zu anderen Großstädten ziemlich bescheiden vor. Es gibt nicht so viele Drogensüchtige wie in Hamburg, nicht so viele Gedenkstätten wie in Berlin und nicht so viele Katzen wie in Rom. Den Fernsehturm müßte man um gute 150 Meter aufstocken, damit er die Spitze des Empire State Building erreicht. Und die Bayerische Staatskanzlei kann trotz ihrer wunderschönen Zirbelstube nicht mit dem Élysée-Palast an der Rue du Faubourg-Saint-Honoré mithalten. Trotzdem bezeichnet sich München gern als „Weltstadt“ – als „Weltstadt mit Herz“, die sich nach der Geschäftigkeit des Tages in bierseliger Zufriedenheit zurücklehnt und den Laptop gegen die Lederhose eintauscht.

So gemütlich ging es in der 850-jährigen Stadtgeschichte allerdings nicht immer zu. Schließlich beginnt die Chronik der Isarmetropole mit einem legendären Schurkenstück Herzog Heinrichs des Löwen, bei dem die Brücke von Föhring in Flammen aufgegangen sein soll – ein Schachzug, der 1180 angeblich mit einer ersten Zerstörung von „Munichen“ geahndet wurde. Kriegsnöte, Pestepidemien, Rattenplagen, Stadtbrände oder die in der „Sendlinger Mordweihnacht“ von 1705 gipfelnde habsburgische Besetzung brachten das öffentliche Leben mehrmals fast zum Erliegen. Dazu gesellte sich die stete Gefährdung durch die Isar – damals noch ein „frei gewaltig wazzer“, das regelmäßig über die Ufer trat und alles mitriß, was im Weg stand.  

Doch die Bewohner der Stadt bewiesen Durchhaltevermögen. Sie handelten unter anderem mit Salz, Wein und Stoffen, errichteten einen vier Kilometer langen Mauerring mit über hundert Türmen und stellten einen „Ratznklauber“ an. Das Leben pulsierte, die Wirtschaft boomte. An der Floßlände trafen Importe aus der Levante und aus Italien ein, vor allem aber Bauholz aus dem Karwendel und Lenggrieser Kalk. Denn die Stadt, die zu Zeiten Kaiser Ludwigs des Bayern die Reichskleinodien beherbergte, wuchs und wuchs und wuchs. Mit dem Bürgerstolz, der auch im Bau des sogenannten „Alten Rathauses“ seinen Ausdruck fand, war es ab dem 16. Jahrhundert freilich vorbei.  

Als Hauptstadt des Herzogtums Bayern wurde München zur Kulisse fürstlichen Gepränges. Die Bewohner begnügten sich mit der Rolle von Statisten – sei es 1568 bei der prunkvollen Hochzeit Wilhelms V. mit Renata von Lothringen, sei es zur Zeit Karl Theodors, der den städtischen Vertretern noch 1791 klar machte, daß sie nichts, aber auch gar nichts zu melden hätten. Unter der Herrschaft der Wittelsbacher verlor München aber immerhin seine Provinzialität. Der gewaltige Komplex des Jesuitenkollegs mit der Michaelskirche beispielsweise wurde in Anlehnung an den spanischen Escorial errichtet, Nymphenburg nach dem Muster des italienisches Jagdschlosses Reggia di Venaria Reale. Außerdem kamen dank des Hofes namhafte Persönlichkeiten an die Isar: William von Ockham, Gelehrter von Weltgeltung und Vorbild für die Figur des William von Baskerville in Umberto Ecos Roman Der Name der Rose – ein Franziskaner aus England; François de Cuvilliés, Großmeister des europäischen Rokoko – ein Wallone; Sir Benjamin Thompson, besser bekannt als „Graf Rumford“ und Erfinder einer ungemein nahrhaften Suppe, in die alles hineingehört, was rumliegt und fortmuß – ein Amerikaner. Nicht einmal die berühmten Moriskentänzer sind weißblauen Ursprungs, sondern entstammen der arabisch-andalusischen Tradition. Ja selbst der heilige Benno, der Stadtpatron von München, ist ein Landfremder. Der gebürtige Sachse starb als Bischof von Meißen und kam erst 470 Jahre nach seinem Tod, längst skelettiert und sorgsam verpackt an die Isar.  

Irgendwie hat das Weltstädtische in München also eine lange Tradition – ähnlich wie der Hang zum Größenwahn: Als die Frauenkirche 1494 geweiht wurde, bot sie 20 000 Menschen Platz, obwohl damals nur 13 000 Seelen innerhalb der Mauern lebten. Die enormen Maße dieses Gotteshauses mögen aber auch darauf zurückzuführen sein, daß sich München schon früh als „Deutsches Rom“ in Szene zu setzen versuchte. Im Alten Peter, zu dessen Kirchenschatz seit den Tagen Ludwigs des Bayern ein Eckzahn des heiligen Petrus gehört, zeigt sich bis heute, daß die bayerischen Herrscher die katholischsten Fürsten der Christenheit sein wollten. Denn am Tiber wird schon lange kein Papst mehr gekrönt, wohl aber an der Isar: Jedes Mal, wenn das Konklave nach dem Tod des alten einen neuen Pontifex gewählt hat, steigt der Mesner mit einer langen Leiter zur Petrusfigur auf den Hochaltar hinauf und setzt ihr die zu Beginn der Sedisvakanz abgenommene Tiara wieder auf. Wen erstaunt es da noch, daß 2005 mit Joseph Ratzinger ein früherer Münchner Erzbischof zum Stellvertreter Christi auf Erden gewählt worden ist?

           

Buch: Klaus Reichold
Regie: Thomas Endl
Kamera: Detlef Krüger
Schnitt: Susanne Droege
Kameraassistenz: Uwe Niedzwetzki
 

Erstsendung am 19.05.2008
zum 850. Stadtjubiläum
im Bayerischen Fernsehen
Länge: 45 Minuten