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Bayern in der Renaissance
Vorträge

Referent: Klaus Reichold


Goldmacher und Sterndeuter feierten fröhliche Urständ. Die Völlerei griff um sich. Und überall lärmten die Narrenschellen durch die Gassen. Gleichzeitig erschien am Horizont das Licht der Neuzeit. Im Gefolge des Buchdrucks explodierte das Wissen. Entdeckungen und Erfindungen weiteten den Blick: Fugger und Welser stiegen in den Welthandel ein. Wunderkammern mit Artefakten aus aller Herren Länder wurden schick. Und im Garten des Augsburger Bankiers Johann Heinrich Herwarth blühte 1559 die erste Tulpe.


Ziffernblatt der sogenannten Henlein-Uhr (tragbare Dosen-Uhr, um 1530/80), zu sehen im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg; Foto: Витольд Муратов - Собственное фото, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=14892226


Foto: Thomas Endl

Im Bad wöll wir recht fröhlich sein
Fürstliches Feiern
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Prächtige Feuerwerke, pompöse Aufzüge, ein gewaltiges Jesuitendrama unter freiem Himmel, dazu die virtuose Musik der Hofkapelle unter dem Weltklasse-Dirigenten Orlando di Lasso – die  Münchner Fürstenhochzeit des Jahres 1568 illustriert die galoppierende Festesfreude jener Tage. Im „klassischen Zeitalter des Fressens und des Saufens“ (Egon Friedell) galt das Motto „Ich meid und hass jed’s leere Fass“. Zimperlich war man nicht. Bei einem Schauturnier brach sich der Ritter Contz von Hirham, „dem gott gnädig sei“, den Hals.


Foto: Thomas Endl

Mit Gold und Seyde feyn und lustig gmacht
Wohnen und Genießen im Alltag
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Im 16. Jahrhundert kannte man in Bayern noch keine Avocado, keinen Spargel, geschweige denn Schokolade. Trotzdem eroberte der Luxus immer mehr Lebensbereiche: Patrizier und fürstliche Herrschaften trugen „mit silber tuech verbrämte“ Leibröcke, hielten in ihren Menagerien welsche Hühner und indische Mäuse, ließen sich südländisch anmutende Palazzi mit Arkadenhöfen, Wasserspielen und Dachterrassen errichten. Im damals bayerischen Braunau am Inn boomte der Ofenbau. Und „Ausstattungskünstler“ wie Albrecht Dürer erstickten in Aufträgen.

 

Eselstruhen voller Sulphur
Die okkulten Wissenschaften
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In Passau galt Fürstbischof Urban von Trennbach als Freund geheimnisvoller Weissagepraktiken. In Landshut glaubte Herzog Ludwig X. von Bayern an die Planetenkinderlehre. Und in Augsburg bestellte Ludwigs Vetter Ottheinrich Blei, Marcusit und andere Grundstoffe für seine Alchemistenküche, in der er höchstselbst die Ärmel hochkrempelte und experimentierte. Daneben trieben allerhand Scharlatane ihr Unwesen: Der Möchtegern-Goldmacher Marco Bragadino wurde 1591 auf dem Münchner Marienplatz als „notorischer Hexenmeister“ enthauptet.  

 

Das neu gefunden Land Peru
Handel und Welterkenntnis
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Zimt, Ingwer und Indigo, Weihrauch und Olivenöl – schon im Mittelalter konnte sich das Warenangebot in Städten wie München sehen lassen. Mit der Entdeckung der Neuen Welt gab es bald auch Tropenhölzer. Die Augsburger Welser handelten sogar mit „Negersklaven“. Und die Fugger erwirtschafteten als Global Player zeitweise einen Reingewinn von 25,5 Prozent. Der „Erdapfel“ von Martin Behaim, einem Nürnberger Tuchhändler, ist der älteste erhaltene Globus überhaupt und dokumentiert, wie man sich die Welt in den Tagen von Christoph Kolumbus vorgestellt hat.

 

Das Gift der Lutterischen Opinion
Kampf um den wahren Glauben
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Die Zustände innerhalb der alten Kirche waren katastrophal: Prunksucht, Amtsmissbrauch und sexuelle Ausschweifungen standen auf der Tagesordnung. Selbst glaubensfeste Zeitgenossen sahen im Papst den Antichrist und in Rom einen Hort von Dummheit und Korruption. In Augsburg, wo sich Luther erstmals erklären hatte müssen, wurde 1530 das „Grundgesetz“ der evangelischen Kirche Deutschlands vorgestellt. Der katholische Glaube verlor seine Bedeutung als „Stammeslehre der Wittelsbacher“. Und in Neuburg an der Donau entstand das erste protestantische Gotteshaus der Welt.